George ist 68 Jahre alt. Mit 20 Jahren fing er im Straßenbau an, mit 40 hörte er wieder auf. Zu diesem Zeitpunkt hatte er sich bereits einen Anspruch auf Rente vom Staat erarbeitet. Dann hat George das Goldfieber erwischt und er ging auf die Suche. Angefangen hat er bei Fairbanks. Am Yukon war er auch schon. Seit fast einem Jahrzehnt lebt George jetzt auf einem Claim rund zweieinhalb Autostunden nördlich von Anchorage. Seine Familie hat er schon seit 30 Jahren nicht mehr gesehen. „Ich nehme es mir immer wieder mal vor. Aber dann fahre ich sie doch nicht besuchen.“ sagt er lachend. Dabei sieht man die Leere in seinem Mund. Zähne hat er ungefähr so viele wie andere Menschen Autos. Viel hat George ohnehin nicht.Er lebt in einer einfachen Hütte auf einer Höhe von rund 1600 Metern. Ein paar Solarzellen auf dem Dach sorgen für Strom, das Trinkwasser kommt direkt aus den Bergen. Geheizt wird mit Holz, nur selten mit Benzin. Zum Beispiel wenn George den Durchlauferhitzer anwirft, um Duschen zu gehen. Vor der Tür hat er eine große Tiefkühltruhe, nebenan zwei kleine Schuppen – einen für Vorräte, einen für Holz. Davon braucht er etwa 10m³ für den Winter. Einen Fernseher hat er nicht, dafür ein altes Grundig Radio, über das er sich die neuesten Nachrichten besorgt. George ist sehr genügsam. Er kommt mit $3000 pro Jahr aus. Alle sechs Monate fährt er Einkaufen, Ende September ist es wieder soweit. Seine Liste ist jetzt schon fünf DIN A5 Seiten lang. Der Weg in die nächste Stadt ist lang und beschwerlich. Vieradantrieb ist Pflicht, Lackschäden sind unvermeidbar. Immer wieder müssen tiefere Bachläufe durchquert werden, die Creeks. An manchen Stellen gibt es dicken Matsch, an anderen große Steine. Für den schnellen Weg gibt es wenige hundert Meter von Georges Cabin eine Start- und Landebahn, die Buschpiloten anfliegen können. Aber das rechnet sich nicht: Ein One-Way-Ticket kostet schnell über $250 und oft ist es in der Gegend auch so neblig, dass die Piloten nicht fliegen können.

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George zeigt uns das Goldwaschen

Im Winter geht George auch schon mal auf die Jagd. Um etwas frisches zum Essen zu besorgen und sich die Zeit zu vertreiben. Schneeschuhhasen zum Beispiel. Ihnen schießt der geübte Trapper ins Auge, damit das schöne Fell nicht so vollblutet, wie er sagt.  „Ich treffe immer!“ schwört er. Die Felle der erlegten Tiere verkauft er dann in der Stadt, wenn er mal da ist. Ein Luchs bringt um die $275, ein Wolf das Dreifache.

Einmal beim Fallenstellen stand George plötzlich einem großen, alten Grizzly gegenüber, der keinen Winterschlaf machte. Und er hatte nur seine .22er Pistole dabei, die er gegen gefangene Tiere in seinen Fallen einsetzt. Langsam ging er zurück zu seinem Schneemobil und holte ein Gewehr. „Dieser Bär hätte Probleme bedeutet. Das habe ich ihm angesehen. Er hätte mich verfolgt und dann gefressen.“ Also hat George ihn erschossen. Er erinnert sich auch noch an einen anderen Grizzly, der im Januar in seniler Bettflucht durch den Tiefschnee gestapft ist und sich auf einen ausgewachsenen Elchbullen gestürzt hat. „Er hat ihn am Geweih gepackt und den Kopf des Bullen gedreht, bis das Genick gebrochen ist. Dann hat er seine Klauen in den Brustkorb des Elchs gestoßen und den Körper wie eine Chipstüte geöffnet. Er fraß Herz, Lunge und Leber. Danach hat er sich oben auf dem Hügel eine Kuhle in den Schnee gegraben und sich schlafen gelegt. Ich war seitdem nie wieder auf diesem Hügel!“ beichtet George.

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Irgendwo im Nirgendwo

Der Winter in Alaska ist lang, kalt und dunkel. Die Goldsaison dafür um so kürzer und anstrengender. „Es gab gute Tage, da haben wir hier bis zu 6 Unzen Gold am Tag herausgeholt.“ Das sind bei dem aktuellen Goldkurs rund $6.500 pro Tag. Das war allerdings im Auftrag von dem Claimbesitzer. George hat dabei nur $20 pro Stunde verdient. Heute passt er auf die stillgelegten Claims auf und darf das Gold behalten, das er findet. Allerdings benutzt er die alten Maschinen nicht mehr. Der Rüttler, die Bagger und all das. George erträgt die Geräusche nicht mehr, die die Steine machen, wenn sie durch die Maschinen poltern. Jetzt fährt er nur noch mit seinem Quad zum Creek, lädt ein paar Schaufeln Material auf den Hänger und bringt das zu seiner Waschstraße. Das aber auch nur noch, wenn er gerade Lust hat. Für den langen Winter bereitet sich George immer ein paar Eimer mit feinem Sand vor. Den kann er dann am warmen Ofen gemütlich durchsieben und mit der Waschpfanne nach Gold suchen.

Foto: Outdoor Now

Ein Grizzlybär hat uns in den frühen Morgenstunden besucht!

Zur Zeit bekommt George öfter mal Besuch von Elchjägern, die mit ihren Quads die Gegend durchforsten. Nur drei Wochen im Jahr dürfen Elche geschossen werden. Rund 40.000 Jäger haben die Erlaubnis für einen Abschuss. Die Zeit drängt, die Konkurrenz ist groß. Die Gespräche mit George sind kurz. Seine Freundesliste auch. Er hat ein kleines Fotoalbum mit alten Fotos. Viele sind es nicht. Ab und zu sieht man auch einen Menschen auf den Fotos, die schon ihre Farbe verlieren. Dann zeigt George auf einen von ihnen und sagt „Das war ein guter Freund. Er ist aber schon tot. Und der auch. Der ist aber auch schon tot.“

Wir sind zwei Tage bei ihm zu Besuch, lassen uns das Goldwaschen zeigen und lauschen seinen Geschichten. Ein paar Fotos schießen wir auch. George bekommt Abzüge davon und wir sind sicher: Wenn er die Fotos mit uns zeigt, wird er sagen „Das sind meine Freunde aus Deutschland!“ Wir haben ihn gefragt, was ihm am meisten hier oben in der Einsamkeit fehlt. „Bier!“ sagt er. Manchmal bringt ihm ein Freund welches vorbei. Aber manchmal kommt er auch ohne Bier und trinkt ihm seine Vorräte weg. Was er sich denn als erstes kauft, wenn er mal in der Stadt ist, wollen wir noch von ihm wissen. Georges Augen bekommen einen leuchtenden Glanz. Er lacht verschmitzt und sagt „Ein Eis!“

Anflug auf den Alfreds Creek